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Italien im Herbst 1954. In den Kinos läuft ein Film an - der vielversprechende Titel: Marijuana. John Wayne ist der große Name auf dem Plakat. Der Film läuft eine knappe Woche und verschwindet wieder von der Leinwand. Das Publikum ahnt nicht, daß die synchronisierte Fassung des Films, die es gerade gesehen hat, eine ganz andere Geschichte erzählt als das Original. Auch die Kritiker sind einem geschickt inszenierten Schwindel aufgesessen.
1.
Ermittlungen der anderen Art
Big Jim McLain [1] (so der Titel des amerikanischen Originals), produziert von Robert Fellows und John Wayne, ist Waynes persönlicher Beitrag zur antikommunistischen Hexenjagd des Kalten Krieges. Die Handlung des Films beginnt in Washington, D.C., wir befinden uns in der Nähe des Kapitols. Die Kamera schwenkt auf ein Gebäude, eine Tafel weist uns den Eingang zum Anhörungsraum des Untersuchungsausschusses zur Bekämpfung unamerikanischer Umtriebe (HUAC [2]). "Are you now or have you ever been a member of the Communist Party? [3]" Der Befragte verweigert die Aussage und beruft sich auf den Fünften Zusatz der amerikanischen Verfassung, der ihm das Recht gibt zu schweigen, falls er sich mit seiner Aussage selbst belasten könnte. Der mutmaßliche Kommunist wird entlassen, was Jim McLain und Mal Baxter, zwei Agenten des HUAC, mißmutig zur Kenntnis nehmen müssen: "Eleven months, eleven frustrating months we rang doorbells and shuffled through a million feet of dull documents and proved to any intelligent person that these people where communists, agents of the Kremlin, and they all walk out free." Ermittlungen ganz anderer Art finden in der synchronisierten Fassung statt: "Die Kommission mußte den Drogenhandel unterbinden, insbesondere den Handel mit Marihuana-Zigaretten, die Amerika seit einiger Zeit überschwemmten. Das FBI war bereits einem der Wege auf die Spur gekommen, auf dem diese nach Amerika kamen: Eine Firma auf Hawaii, die mit Obst und Gemüse handelte, hatte Ananasdosen in großen Mengen nach Amerika gebracht, die anstelle dieser Frucht die tödlichen Drogenzigaretten enthielten."
Was ist hier passiert? Aus den des Hochverrats und der kommunistischen Subversion Verdächtigten werden plötzlich mutmaßliche Drogenhändler, die Untersuchung dreht sich um den Import von Marihuana-Zigaretten in ominösen Ananasdosen. Warum?
2.
L'uomo Del Monte ha detto sì! [4]
Es ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich, warum gerade dieser Film "umproduziert" wurde, denn die staatliche italienische Filmzensur der Nachkriegszeit ist fest in christdemokratischer Hand, und niemand geringerer als Giulio Andreotti bestimmt bis 1953, welche Filme wie für die Aufführung vor Publikum zugelassen werden. Prokommunistische Tendenzen kann man der Zensurbehörde also wahrlich nicht unterstellen. Big Jim McLain hätte den Geschmack der Kommission getroffen - amerikanische Propagandaproduktionen, ob Dokumentar- oder Spielfilme, wurden meist bereitwillig übernommen. Die Zensurbehörde sieht aber nur die bereits synchronisierte Fassung, nicht das Original. Das heißt, nicht die Zensur hat die Änderungen an Big Jim McLain veranlaßt; der "Täter" ist woanders zu suchen. Wir müssen dazu chronologisch einen Schritt zurück machen. Ein Film wird importiert, der Verleih - bei Hollywood-Produktionen meist die lokale Niederlassung des selben Unternehmens - besitzt ein eigenes Studio oder beauftragt eine italienische Firma mit der Synchronisation. Zuerst muß das Buch übersetzt werden. Der Dialogist bekommt das Originalskript und eine Kopie des Films. Im Normalfall hält er sich an das Original, solange ihm niemand andere Anweisungen erteilt. An Vorschläge des Auftraggebers, inhaltliche Änderungen vorzunehmen, ist er aber grundsätzlich gebunden. Der Dialogist ist ein ausführender Sklave. Wer zahlt, bestimmt. Als "Produkt" unterliegt ein Film den Gesetzen der Marktwirtschaft. Wenn der Verleih also glaubt, ein paar tausend Eintrittskarten mehr verkaufen zu können, indem er inhaltliche Änderungen vornimmt, tut er dies - und aus seiner Perspektive zu recht. Big Jim McLain, 1952 produziert, kommt verhältnismäßig spät, nämlich erst im Herbst 1954 in die italienischen Kinos. Warum zögert der Verleih, Warner Italia, so lange, den Film auf den Markt zu bringen? Einerseits war Big Jim McLain schon in den USA kein besonderer Kassenschlager [5]. Andererseits verspricht seine antikommunistische Propaganda einer italienischen Fassung auch nicht mehr Erfolg. In Italien ist die DC mit ihren Hetzkampagnen gegen das kinderfressende Schreckgespenst bei den Wählern durchaus erfolgreich, doch die Kommunistische Partei, die bei den Parlamentswahlen 1953 22,6% der Stimmen erhält, ist die zweitstärkste politische Macht im Land. Unter diesen Voraussetzungen muß sich Warner Italia ernsthaft überlegen, ob sich der Kostenaufwand für eine italienische Synchronfassung überhaupt lohnt. Da John Wayne als Zugpferd grundsätzlich gute Einspielergebnisse garantiert, entscheidet man sich, am Film festzuhalten, wenn auch mit einer kleinen Änderung: Man [6] ersetzt die Kommunisten, die sich gegen die sogenannte Freie Welt verschworen haben, durch unpolitische Drogenhändler, nicht minder gefährliche Kriminelle, die ebenfalls Wohlstand, Gesundheit und Fortschritt der Gesellschaft bedrohen. Abseits von politischen Überzeugungen bieten sie sich als "bad guys" geradezu an. Niemand wird sich auf ihre Seite stellen, niemand wird diese Gefahr für die Menschheit in Frage stellen, niemand wird ihren ideologiefreien Egoismus verteidigen.
3.
What you don't see is what you get
Wie ist es aber möglich, daß durch die Synchronisation, das heißt durch das bloße Ersetzen der Dialogtonspur, die Handlung eines Films grundlegend verändert wird, und das Publikum davon nichts bemerkt? Zunächst einmal dürfen sich Wort und Bild nicht widersprechen. Diese Voraussetzung erfüllt Big Jim McLain, da die Kommunisten durch keine äußerlichen Attribute als solche erkennbar sind. Eindeutige Symbole fehlen, der Feind präsentiert sich neutral, in Anzug und Krawatte. Sichtbare Hinweise auf antikommunistische Inhalte gibt es nur in Form von "Text im Bild" [7], wobei man aber davon ausgeht, daß das Publikum sie übersehen oder - da sie englisch [8] sind - nicht verstehen wird. Der Film wird nur umgeschrieben, nicht umgeschnitten. Doch es reicht nicht, das Wort "Kommunist" durch das Wort "Drogendealer" zu ersetzen, auch wenn das Original sehr vage bleibt, was für den italienischen adattatore [9] ein großer Vorteil ist: Jim McLain und Mal Baxter werden nach Hawaii geschickt, um einen Ring kommunistischer Verschwörer aufzuspüren und Beweise für eine Anhörung vor dem HUAC zu sammeln. In Honolulu angekommen, gehen die beiden getrennte Wege. Baxter verschwindet fast gänzlich von der Bildfläche und taucht nur ab und zu auf, um McLain daran zu erinnern, daß sie in ihren Ermittlungen noch immer keinen Schritt weitergekommen sind. McLain verliebt sich ohne Umschweife und dramaturgisch verdächtig früh in die Sprechstundenhilfe und angehende Psychiaterin Nancy Vallon, die ausgerechnet für einen Kommunisten, Dr. Gelster, arbeitet. McLain verbringt die meiste Zeit mit ihr. Neben Bootsfahrten, folkloristischen Tanzabenden und diversen Ausflügen zu den landschaftlichen Sehenswürdigkeiten der Inseln, bleibt ihm wenig Zeit, seiner patriotischen Mission nachzugehen. Wie die beiden Untersuchungsbeauftragten zu ihren Ergebnissen kommen, bleibt für den Zuschauer weitgehend undurchsichtig. Willkürlich werden Leute befragt, mutmaßliche Kommunisten, ehemalige Parteimitglieder, Ärzte und Sanatorien abgeklappert auf der Suche nach einem Verdächtigen namens Namaka. Daß Baxter in einen Hinterhalt gelockt und getötet wird, ist nur ein verzweifelter Versuch, der Handlung eine dramatische Wendung zu geben. Mit Hilfe der Polizei von Honolulu bringt McLain seine Mission doch noch zu Ende: Entscheidend für die Aushebung des kommunistischen Nestes sind schließlich diverse, in den Versammlungsräumen des Feindes installierte Mikrophone [10]. Für die Szenen, in denen sich die kommunistische 7th Cell versammelt, um ihr weiteres Vorgehen und künftige Sabotageakte zu planen, und für jene Passagen, in denen es um die "rote Unterwanderung" der hawaiianischen Gewerkschaften geht, gilt es, eine andere Handlung zu erfinden, die in sich zumindest genauso schlüssig und plausibel sein muß wie das Original. Der Übersetzer muß sich etwas einfallen lassen. Er sieht sich den Film noch einmal an. Zurück zum Anfang: Nach der ergebnislosen Einvernahme der Zeugen vor dem HUAC erhalten McLain und Baxter ihren nächsten Auftrag.
Pineapple - Ananas! Daraus entwickelt der Synchron-Autor das inhaltliche Gerüst der italienischen Version. Amerika wird überschwemmt mit "Marihuana-Zigaretten", tonnenweise importiert aus Hawaii in - Ananasdosen. Ein bemerkenswerter Einfall und doch nicht ganz unproblematisch. Wie erwähnt, sieht man in Big Jim McLain keine Kommunisten, es kommen aber auch weder Ananas (außer als Tischdekoration) noch Dosen oder Zigaretten besonderer Art vor. Der Synchron-Autor hat damit aber "das richtige Ende des verworrenen Knäuels" ("il bandolo dell'intricata matassa") gefunden und löst schrittweise auch alle weiteren "Übersetzungsprobleme".
4.
"That's how he got the broken nose - fighting commies."
Eine morbide Symbolik zieht sich durch Big Jim McLain. Der Kommunismus wird dargestellt als ansteckende Krankheit, die ihre unschuldigen Opfer hinterrücks befällt und trotz aller Eindämmungsversuche immer und überall von neuem auszubrechen droht. Die Virusträger sind Gewerkschafter, Ärzte, Universitätsprofessoren - hierarchisch übergeordnet, arrogant und machtbesessen.
Auf der anderen Seite stehen die Verteidiger Amerikas: John Wayne/Jim McLain, der übermenschliche Superpatriot und moralisch unangreifbare Autorität [11], und sein Partner James Arness [12] /Mal Baxter. "Communists are people with sick minds; patriots, like Mal, are people with a 'heart condition.' [13]" Baxter stirbt an einer Dosis Sodium Pentothal, die ihm Dr. Gelster injiziert, um ihn zum Reden zu bringen. Die gerichtsmedizinische Untersuchung der Leiche schließt auf die Möglichkeit eines Herzinfarkts als Todesursache. McLains sarkastische Antwort im Original bezieht sich nicht auf die physische Krankheit, sondern auf das spirituelle Leiden des aufrechten Baxter, der sich von seiner fundamentalen, politischen Überzeugung emotional zu sehr involvieren läßt und schließlich daran zugrunde geht. Die synchronisierte Fassung schert sich nicht um patriotische Herzleiden: Baxter ist definitiv krank, was er nur verschweigt, um seinen Dienst nicht quittieren zu müssen.
Die paranoide, antikommunistische Ideologie des Films erfährt in der italienischen Interpretation noch eine Steigerung: Rauschgifthändler sind "Leute, die man packen und auf den Scheiterhaufen werfen müßte wie im Mittelalter" - ginge es nach Baxter, wäre die Lösung des Problems sehr einfach. McLain besänftigt seinen ungehaltenen Kollegen, er solle lieber an sein (krankes) Herz denken. Die Mittel der Heiligen Inquisition oder gar der Wildwest-Lynchjustiz sind nicht geeignet für McLain, mit seinem Gegner fertig zu werden. Er hält sich an das Gesetz, auch wenn seine Methode am Ende scheitern muß. Die Kommunisten werden zwar verhaftet und vor den Untersuchungsausschuß gebracht; man muß sie aber wieder laufen lassen. McLain bleibt frustriert und dennoch standhaft seinem Glauben an Amerika treu: "There were a lot of wonderful things written into our constitution, that were meant for honest, decent citizens. I resent the fact that it can be used and abused by the very people that want to destroy it. So they walked out free again. [...] Sometimes I wonder why I stay on this job."
4.1.
Webster und das eherne Gesetz der Natur
Die Politik der italienischen Synchronfassung spricht eine eindeutigere Sprache. Schon im Prolog des Films wird festgelegt, wie mit dem Feind umzugehen ist. Das Eingangsszenario: eine finstere Landschaft, im Hintergrund erkennbar ein verwahrloster Grabstein. Die Originalfassung huldigt einem Kapitel der amerikanischen Geschichte in der Person Daniel Websters, der sich noch aus dem Jenseits erkundigt, wie es um die Union bestellt sei [14] .
In der italienischen Fassung bleibt Daniel Webster tot und im Hintergrund. Ein anderes Bild wird gezeichnet: Eine erdrückend schwüle Atmosphäre legt sich über das Land, Staub und Schmutz sammeln sich, man glaubt zu ersticken. Da hilft nur ein erfrischendes Gewitter, der Regen spült den Unrat von den Straßen der Städte und Dörfer. Kranke oder verdorrte Pflanzen, alle "unnützen Dinge", die dem Wachstum und der Entwicklung des Lebens im Weg stehen, werden vom Sturm hinweg gefegt. "Das ist das eherne Gesetz der Natur, dem alles Leben untersteht, seit Anbeginn der Welt." Analog dazu braucht es die kathartische Wirkung reinigender Gewitter im öffentlichen Leben, um gefährliche Organisationen zu zerschlagen, bösartige Individuen, die sich immer wieder zusammenrotten und das Wohl der Gesellschaft bedrohen - ein unverhüllt chauvinistisches Gleichnis mit faschistoidem Anstrich.
4.2.
"Das Gift, das keine Gnade kennt" [15]
Der Kommunismus in Big Jim McLain befällt seine Opfer wie Aussatz und macht sie zu willenlosen, steuerbaren Individuen. Die Infizierten erliegen der ausgebrochenen Krankheit oder finden aus eigener Kraft ihren Weg zurück in die "menschliche Gemeinschaft". Die Rettung kann nur durch Selbstheilung und Buße erfolgen. McLains Suche nach Willie Namaka, dem ehemaligen Schatzmeister der Kommunistischen Partei Hawaiis, führt ihn zur Leprakolonie auf der Insel Molokai. "Kalaopapa - the ancient leper colony, lonely, desolate, no bars, but escape-proof. [...] Frankly, leprosy scared me. Scares most people, I guess. I still remember when we were kids and my mother used to read the bible to us, the chill that ran up and down backs, when she said the ancient word - 'leper'." Mrs. Namaka, einst engagierte Kommunistin, sühnt als Krankenschwester auf Molokai für ihre politische Vergangenheit.
Willie Namaka ist die erste Figur, die der Rauschgiftaffäre von Marijuana zum Opfer fällt. Im Original wird er wegen eines Nervenzusammenbruchs seiner Stellung enthoben und von seinen Genossen in einer Klinik versteckt, um zu verhindern, daß er in seinem verwirrten Zustand zum Verräter wird. Die Synchronfassung macht aus ihm den ehemaligen Firmendirektor der Hawaii Fruit Export, selbst drogenabhängig und ein körperliches Wrack, das, als die Ermittler seiner endlich habhaft werden, nur noch "Sigaretta, sigaretta..." delirierend, von keinem Nutzen mehr ist. Interessanter aber ist die Beziehung seiner Ex-Ehefrau zu ihm. Im Original schwört sie - wie durch eine religiöse Erleuchtung - dem Kommunismus ab, zeigt sich selbst an und kehrt als reuige Sünderin auf den rechten Weg zurück. Da sie ihren Mann nicht überzeugen kann, dasselbe zu tun, zieht sie die Konsequenz, verläßt ihn und läßt sich scheiden. "Like any other who commits a crime against humanity, he will have to find his own way back into the community of men. I would not lift a hand to help any conspirator any more than I would extend a helping hand to a... - I was going to say 'leper', but that, of course, is ridiculous." Eine derart resolute Frau verträgt das mehrheitlich katholische italienische Publikum der Fünfziger Jahre offenbar nicht. Eine Frau hat ihrem Ehemann zur Seite zu stehen, bis ans bittere Ende. Signora Namaka trennt sich von ihrem Mann, aber erst, nachdem sie jahrelang erfolglos versucht hat, ihn "vom Laster des Rauschgifts zu kurieren" - eine Entscheidung, die ihr inzwischen ein schlechtes Gewissen bereitet: Daß ihr Mann sich schließlich sogar auf den Handel mit Drogen eingelassen hat, sei irgendwie auch ihre Schuld, da sie ihn verlassen hat; sie hat ihre ehelichen Pflichten nicht erfüllt, all zu früh aufgegeben. Ihre Tätigkeit als Krankenpflegerin hat keine sühnende Funktion mehr; "zum Glück" hatte sie eine Ausbildung und kann sich durch ihren Beruf selbst erhalten. Eine ähnliche Art der Schuldzuweisung am Scheitern eines Angehörigen findet sich auch in der "retuschierten" Version einer anderen Szene. McLain und Baxter erhalten, ohne viel eigenes Zutun, Hinweise aus der Bevölkerung - von Menschen, die auf sie zukommen, um "etwas Gutes für ihr Land" zu tun.
Es handelt sich um das Ehepaar Lexiter, polnische Einwanderer, die sich nach einem Leben der harten Arbeit und Entbehrung auf Hawaii zur Ruhe gesetzt haben - "just living out here on our union pension, free and in the sun". Als Mr. Lexiter herausfinden mußte, daß sein Sohn Frank (nach einem Studienaufenthalt in der Sowjetunion) zum Feind übergelaufen war, gab es für ihn keine Alternative: "He was a communist. I didn't argue with him, I showed him the door. Mr. McLain, I was raised in the land of pogrom, I know how useless it is to try to reason with those heartless men - men who have turned their backs on god."
Auch Frank wird zum Opfer der Synchronfassung - im wahrsten Sinn des Wortes: Er ist bereits einige Zeit tot. Er war der Besitzer der verdächtigten Exportfirma, die er mit dem hart verdienten Geld seiner Eltern aufgebaut hatte. Wie Namaka verfiel er dem Rauschgift und brachte sich schließlich um. Die italienische Fassung wird diesbezüglich nicht sehr ausführlich; es ist von Kokain und Marihuana die Rede, davon, daß Frank von früh bis spät rauchte und die Zigaretten einen "seltsamen Geruch" verströmten. Und wieder finden wir das schlechte Gewissen: "Wer weiß, wenn wir in New York geblieben wären, würde mein Frank noch leben." Die Familie ist diesmal aber nicht allein verantwortlich, der abtrünnige Sohn ist von einem Freund zum Laster verführt worden, und der Teufel hat einen Namen: Ed White. McLain und Baxter kennen White bereits: Er ist der scheinbar unbescholtene, neue Inhaber der Hawaii Fruit Export, der dem FBI seine volle Unterstützung zugesichert hat.
Auch im Original führt White ein Doppelleben, ist aber niemand anderer als Frank Lexiter selbst, der unter falschem Namen als vorgeblich antikommunistischer Gewerkschafter in seinem Betrieb "ordentlich aufräumt". Die italienische Synchronfassung erfindet eine zusätzliche Figur, die es für den Verlauf der Handlung eigentlich nicht braucht. Ed White, der Verführer des unschuldigen Frank, dient nur dazu, dem Publikum wiederum und eindringlich die familiären Pflichten in Erinnerung zu rufen und verantwortungsvolle Eltern vor dem schlechten Umgang ihrer Kinder zu warnen. Keine Gnade für Drogendealer!
4.3.
Stalin und die Geister aus dem Jenseits
Eine besondere Szene des Films soll uns schließlich endgültig davon überzeugen, daß dem Kommunismus nicht zu trauen ist: Bei näherem Kontakt führt er nämlich zu Realitätsverlust, Größenwahn und Irrsinn. McLain wird in seiner Wohnung (und auch diesmal ist Nancy als schmückendes Beiwerk integriert) von einem Schriftsteller und Wissenschafter namens Robert Henried aufgesucht. Um den Kommunismus von innen studieren zu können, ist Henried der Partei beigetreten, erkannte das Modell aber als undurchführbar und verlor das wissenschaftliche Interesse, will seine Erfahrungen nun jedoch in seinem neuen Buch publik machen. Sein starrköpfiger Freund Stalin scheint der eigensinnigen, sich auf pseudohistorische Analogien stützende Argumentation Henrieds allerdings nicht folgen zu wollen und so bringt dieser seine neue Geheimwaffe ins Spiel, die die endgültige Lösung aller zwischenmenschlichen Konflikte verspricht.
In der synchronisierten Version betrieb Henried seine Forschungen auf dem Gebiet der halluzinogenen Rauschmittel, wobei die Methode der teilnehmenden Beobachtung in diesem Fall weitaus schwerwiegendere Auswirkungen auf Henrieds mentale Fähigkeiten zeigte. An die Stelle Stalins treten "tote Schriftsteller, allesamt gründliche Kenner der Materie", die aus dem Jenseits mit ihm Kontakt aufnahmen. Auf die verdutzte Reaktion seines Publikums antwortet Henried: "Vergessen Sie nicht, daß das Leben wie der Tod nur eine Erscheinungsform ist. Verstehen Sie? Die großen Ideen leben weiter und sind unsterblich. Deshalb leben so hervorragende Männer wie Voltaire, Shakespeare oder Dschingis Khan ewig." Dschingis Khan [16] - als Exot - rettet sich als einziger in die synchronisierte Fassung. Wohl ist der Gründer des mongolischen Weltreichs kein Schriftsteller, aber immerhin etwas länger tot als Stalin [17], mit dem er den Ruf eines grausamen Herrschers teilt. Die konkrete Beziehung Henrieds zur Kommunistischen Partei und zu Stalin muß in der synchronisierten Fassung dem entrückten Phantasieren von Geistern aus dem Jenseits und Philosophieren über unsterbliche Ideen, Leben und Tod, weichen. Damit wird Henried bereits am Anfang als eindeutig wahnsinnig dargestellt, während die Situation im Original noch einen Moment lang zweifelhaft bleibt. Erst als Henried von seiner neuesten Erfindung spricht, einer Geheimwaffe, die die Atombombe zu einem Kinderspiel degradiere, wird den Anwesenden endgültig bewußt, mit wem sie es zu tun haben. Diese Waffe sei die Lösung aller künftigen kriegerischen Auseinandersetzungen, da sie die Möglichkeit eines Konfliktes von vornherein ausschalte. "In its first phase it makes everybody look alike. Don't misunderstand me, Mrs. Vallon. I don't mean that everybody will look alike, I mean that all the men will look alike and all the women will look alike. And now that I've met you, Mrs. Vallon, I think it would be most advisable if the female half of the world's population looked exactly as you do." Und wer würde sich schon mit seinem eigenen Klon anlegen? Der Dialog dieser Passage wird für die synchronisierte Fassung fast wörtlich übernommen, was einige Verwirrung stiftet. Während die "Waffe" im Original als Analogie zur Idee eines gleichmacherischen Kommunismus inhaltlich durchaus eine Funktion besitzt, macht diese Passage in der italienischen Version überhaupt keinen Sinn. Es geht nur mehr darum, dem Zuschauer die fatalen Auswirkungen des Rauschmittelkonsums auf den menschlichen Geist zu demonstrieren. Es verwundert schließlich nicht weiter, wenn Henried von seinem Großvater spricht, der in weiser Erkenntnis, daß jedermann atmen müsse, die Luft entwickelt und patentiert habe. Unklare Verhältnisse? Jim und Nancy verlieben sich auf den ersten Blick. "Vom Blitz getroffen" laufen sie in die Kirche und danken Gott für seine Vorsehung. "Unklar" oder zumindest verstörend kann es für das italienische Publikum sein, daß Nancy sich fortan in McLains Wohnung aufhält, noch dazu die meiste Zeit allein mit ihm. Als Witwe (ihr erster Ehemann starb als Held im Koreakrieg [19]) ist sie von vornherein nicht ganz unbescholten, aber ihre gar so schnelle Bereitschaft, sich in ein neues Liebesabenteuer zu stürzen, könnte man aus der Perspektive der damaligen Zeit als unmoralisch gelten lassen. Andererseits kokettiert Nancy durchaus auch mit anderen Männern: Als Jim - rein beruflich - Madge (die "willige Blondine" des Films) ausführt, weiß sich auch Nancy zu helfen und diniert im Gegenzug mit einem äußerst attraktiven Marineleutnant. Promiskuöse Phantasien kann man aber vor allem Robert Henried zuschreiben. Nachdem er beschließt, Nancy zum Modell für die "weibliche Hälfte der Weltbevölkerung" zu machen, und sich bei McLain dafür entschuldigt, daß dieser für die männliche Vorlage leider nicht in Frage komme ("You're the right size but your face..."), fällt Henried ein, daß seine grandiose Erfindung einen kleinen Makel besitzt, dessen Konsequenzen er sich - leicht euphorisiert - ausmalt:
Die unsittliche Fiktion eines harmlosen Irren - dies sind die "unklaren Verhältnisse", an denen sich die katholische Filmkommission stößt.
5.
"Mai più censura per il cinema italiano!"
Im März 1998 feierte Italien die Abschaffung der Filmzensur. Stein des Anstoßes und Anlaß für eine wochenlange, politische Diskussion war der als blasphemisch verurteilte und infolgedessen mit dem Aufführungsverbot belegte Film "Totò che visse due volte" von Daniele Ciprì und Franco Maresco. De facto wurde das entsprechende Gesetz aus dem Jahr 1962 schließlich nur insofern abgeändert, als es nun nicht mehr möglich ist, die Aufführung eines Films präventiv zu verhindern. Die VHS-Edition von Marijuana steht weiterhin in den Regalen der italienischen Videotheken - inzwischen als film per tutti ohne Altersbeschränkung. "Ein Klassiker des Genres", ist auf dem Cover zu lesen. Unsere "Jagd auf den Mörder" [20] von Big Jim McLain ist hiermit eingestellt. Die Kreativität des Autors von Marijuana ist ihm strafmildernd anzurechnen (wenn man ihn nicht gleich laufen lassen will, da er eben nur Befehlsempfänger war), sein Einfallsreichtum erhält zwar nur die Note "genügend", hat dem Film schließlich aber noch einmal einen Sinn gegeben, wenn auch nur den, daß er fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung zum Objekt unserer Untersuchung wurde. Es gibt viele Gründe, warum Big Jim McLain alias Marijuana kein großer Erfolg war, Kommunisten waren nicht im Spiel.
I'm
no secret weapon
and I'm no superspy, I love home sweet home, mum and apple-pie. Kim Fowley, "I was a communist for the FBI"
Feedback:
(C)
1999
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